Schweizer Haushalte könnten Strom sparen

09.05.2017 | Zukunftsblog | Energie

Von:  Nina Boogen, ETH Zürich

Effizient mit Elektrizität umzugehen ist ein zentrales Anliegen der Energiestrategie 2050. Aber wie gross ist das Strom-Einsparpotential von Schweizer Haushalten überhaupt? Und welche Faktoren beeinflussen die Effizienz?

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Wie energieeffizient sind hiesige Haushalte? (Bild: iStock / deepblue4you)

Die Energiestrategie 2050 sieht vor, dass die Schweiz schrittweise aus der Atomenergie aussteigt. Die fehlende Elektrizität soll durch neue erneuerbare Energie, den weiteren Ausbau der Wasserkraft und nicht zuletzt durch die Steigerung der Energieeffizienz ersetzt werden. So soll laut Vorlage der Stromverbrauch pro Kopf bis 2020 um 3 Prozent gegenüber dem Verbrauch im Jahr 2000 sinken, bis 2035 sogar um 13 Prozent. Doch ist das ein realistisches Ziel?

Effizienzpotential neu geschätzt

Glühbirne mit der Schweiz innendrin
Die Schweiz kann durchaus Strom sparen. (Bild: iStock / eyegelb)

Am Zentrum für Energiepolitik und Ökonomie CEPE der ETH Zürich arbeiten wir seit einigen Jahren daran, das Effizienzpotential im Stromverbrauch von Schweizer Haushalten zu bestimmen. Die klassische Potentialabschätzung eines Ingenieurs folgt einem sogenannten «bottom-up»-Ansatz, wobei der Ingenieur Potentiale von einzelnen Haushalten misst und auf die Gesamtbevölkerung hochrechnet. Eine Prognos-Studie [1] hatte dies 2011 für die Schweiz gemacht und kam auf ein Stromeinsparpotential der Haushalte von 15 Prozent bis 2035. Ein Nachteil dieser Methode ist, dass jeweils Annahmen über zukünftige Technologien getroffen werden, was mit Unsicherheiten behaftet ist.

Unser Ansatz hingegen verläuft «top-down» und berechnet eine so genannte Best-Practice-Stromnachfragekurve basierend auf einem aktuellen und repräsentativen Datensatz zu Schweizer Haushalten (siehe dazu meinen früheren Blogbeitrag). Punkte auf dieser Kurve repräsentieren die heute effizientesten Haushalte, welche die neusten und effizientesten Geräte zu Hause haben und diese optimal nutzen. Für alle anderen Haushalte kann man den Abstand zur Kurve messen, der das Effizienzniveau darstellt. So lässt sich das Potential in Bezug auf die besten zum jetzigen Zeitpunkt verfügbaren Technologien und unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens abschätzen, ohne aber Annahmen bezüglich zukünftiger Technologien treffen zu müssen.

In einem kürzlich publizierten Artikel [2] haben wir auf diese Weise ein Stromsparpotential für Schweizer Haushalte von insgesamt 20 bis 25 Prozent abgeschätzt. Dieses liegt deutlich über dem 2011 von Prognos geschätzten Gesamtpotential von 13 Prozent – und es liegt auch über dem in der Energiestrategie 2050 festgelegten Einspar-Richtwert von 15 Prozent, wobei dieser pro Kopf angegeben wird und nicht absolut, so dass ein direkter Vergleich nicht ganz korrekt ist. Dennoch deuten unsere Resultate darauf hin, dass der vorgesehene Richtwert realistisch ist, und darüber hinaus weiteres Potential besteht.

Beachtlicher Standby-Verbrauch

Die Kluft zwischen optimalem und tatsächlichem Stromverbrauch von Haushalten hat zwei Ursachen: Einerseits kann ein Haushalt alte, ineffiziente Geräte gebrauchen. Andererseits kann es auch sein, dass ein Haushalt seine Geräte nicht optimal benutzt. Dies ist zum Beispiel beim Standby-Verbrauch der Fall. Auf der Basis von Zahlen des BFE [3] stellten wir fest, dass beachtliche 6 bis 14 Prozent des gesamten Stromverbrauchs eines Haushalts allein durch Standby verursacht wird. Erstaunt fragten wir uns, ob Haushalte, die Standby vermeiden, auch tatsächlich ein höheres Effizienzniveau aufweisen und konnten zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist. In «bottom-up»-Studien sind solche Verhaltensaspekte meist nicht oder nur ungenügend berücksichtigt, was ein Vorteil unserer Methode ist.

Die Lücke erklären

Nach dieser ersten groben Potentialabschätzung für die Schweiz versuchen wir nun, die Kluft zwischen optimalem und tatsächlichem Stromverbrauch genauer zu untersuchen. Dabei interessieren uns vor allem verhaltensökonomische Aspekte: Die Resultate eines neuen Working Paper [4] deuten darauf hin, dass für Energie- und Investitionsfragen sensibilisierte Haushalte tendenziell einen geringeren Stromverbrauch haben. Zudem wollen wir herausfinden, ob man die Ersatzrate von Haushaltsgeräten mittels Informations- und Ausbildungstrainings beeinflussen kann. Dies könnte Hinweise für mögliche politische Massnahmen in der Zukunft liefern.

Weiterführende Informationen

[1] Prognos (2011), Energieszenarien für die Schweiz bis 2050, Erste Ergebnisse der angepassten Szenarien I und IV aus den Energieperspektiven 2007 - Zwischenbericht im Auftrag des BFE.

[2] Boogen, N. (2017), Estimating the potential for electricity savings in households, Energy Economics (63), pp. 288–300.

[3] BFE (2006), Standby-Verbrauch im Haushalt - Schlussbericht im Auftrag des BFE, Bundesamt für Energie (BFE), Bern

[4] Blasch, J., Boogen, N., Filippini, M. und Kumar, N. (2017), The role of energy and investment literacy for residential electricity demand and end-use efficiency, CER-ETH Working Paper 17/269.

Zur Autorin

Nina Boogen

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