Die Schweiz von oben

Die ETH-Bibliothek präsentiert in einem neuen Bildband faszinierende Aufnahmen aus dem Luftbildarchiv der Swissair. Der Blick von oben enthüllt Veränderungen in der Schweizer Landschaft und Kultur.

Foto Cupfinal  
Cupfinal 1973 im Wankdorf-Stadion. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz)

1973 gewinnt der FC Zürich mit 2:0 nach Verlängerung den Cupfinal gegen den FC Basel im Wankdorf-Stadion Bern. Was neben der sporthistorischen Dimension erstaunt: Von dieser Partie gibt es ein Luftbild, auf dem nicht nur das ausverkaufte Stadion, sondern auch der Parkplatz mit vielen bunten Fahrzeugen aus den 1970er Jahren zu sehen ist. Nebst dieser aussergewöhnlichen historischen Aufnahme sind im neuen Bildband «Swissair Luftbilder» 36 farbige und 112 schwarzweisse Abbildungen aus den Beständen der ETH-Bibliothek versammelt. Die älteste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1918, die jüngste von 1999.

Warum Luftaufnahmen so attraktiv sind

Egal aus welchem Grund man sich für Luftaufnahmen interessiert, in diesem Band wird man fündig. Die rasante Stadtentwicklung und den Siedlungsbau gilt es auf den Luftaufnahmen vom Hauptbahnhof Zürich, der Berner Innenstadt oder von La-Chaux-de-Fonds zu entdecken. Andere Bilder zeigen nahezu unverbaute Landstriche mit vielen blühenden Kirschbäumen, kleinteilige Felderwirtschaft oder tief verschneite Landschaften. Ästhetisch-künstlerische Qualitäten haben bizarre Landschaftsformen wie die Eisschollen auf dem Obersee bei Bollingen (SG) oder Strömungsuntersuchungen mit grünem Farbstoff im Rhein. Kulturhistorisch spannend sind nicht nur die Aufnahmen von Kulturgütern wie dem Amphitheater in Windisch oder dem Schloss Uster. Erst durch das entsprechende Bild wird klar, dass der Sihlfeldfriedhof im Jahre 1923 noch vor der Stadt im Grünen lag und damit eine deutlich andere Ausstrahlung hatte als heute. Eine Aufnahme von Luzern stammt aus dem Jahre 1919. Sie zeigt eine burgähnliche hölzerne Festhalle direkt am See, die bis 1910 als Kriegs- und Friedensmuseum diente, dann später auch Rollschuhpalast und Lebensmittellager war, bevor man den wertvollen Platz anders nutzte und das Kultur- und Kongresszentrum hinbaute.

Qual der Wahl

Das Luftbildarchiv der Swissair umfasst rund 135’00 Bilder und wird seit einigen Jahren von der ETH-Bibliothek erschlossen und archiviert. Den Grundstock für diesen reichen Fundus legte der Schweizer Flugpionier Walter Mittelholzer (1894–1937). Bereits 1918 machte er die ersten Aufnahmen und erkannte früh das ungeheure Potenzial der Luftaufnahmen. Dem Autor Ruedi Weidmann fiel mit Unterstützung des Grafikerduos Megi Zumstein und Claudio Barandun die schwierige Aufgabe zu, unter den 50‘000 bereits digitalisierten Luftaufnahmen, jene auszuwählen, die sich für einen Bildband besonders eignen. Die beiden Herausgeber des Bandes Michael Gasser und Nicole Graf aus dem Archivbereich der ETH-Bibliothek, beschreiben die Auswahlkriterien als spannende Mischung aus Ästhetik, Abbild der zeitlichen und geographischen Breite des Bestandes sowie gezieltem Bildinventar von Dingen, die in den letzten Jahrzehnten aus der Landschaft verschwanden oder neu dazugekommen sind. Es ist bereits der vierte Band, den die beiden Herausgeber in der Reihe «Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek» publizieren (siehe Kasten).

Foto Strömungsversuch  
Strömungsuntersuchung mit Farbstoff im Rhein von 1976. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz)

Mithelfen beim Identifizieren

Die ETH-Bibliothek stellt ihr Bildbestände aber nicht nur in Form von Bildbänden der Öffentlichkeit zur Verfügung, sondern arbeitet intensiv an der archivarischen Aufbereitung und Digitalisierung. Im Verlauf des nächsten Jahres soll das Projekt zur Bearbeitung der Swissair-Bildbestände, insbesondere die Digitalisierung, abgeschlossen sein. Bereits jetzt sind aber auf der Bilddatenbank Bildarchiv online rund 60‘000 Luftbilder zugänglich. Bei der Beschreibung der Bilder ist auch die Mitarbeit der interessierten Öffentlichkeit gefragt. Rund 650 Bilder konnte das Bildarchiv nämlich bis jetzt noch nicht oder nur ungenügend identifizieren. Sie gehören zu einer Bildserie von Industriebauten, die in den 1920er und 1930er Jahren aus sehr geringer Flughöhe aufgenommen wurden. Die Leiterin des Bildarchivs, Nicole Graf, erklärt: «Diese Aufnahmen sind ein ganz besonderer und in Vergessenheit geratener Bestand. Da die abgebildeten Fabriken und Industriegebäude teilweise heute nicht mehr bestehen, sind die Bilder ein wichtiges und unwiederbringliches Zeugnis der Schweizerischen Industrialisierung.»

Buch, Wettbewerb und Ausstellung

Ruedi Weidmann: Swissair Luftbilder. Das Luftbildarchiv der Swissair. Herausgegeben von Michael Gasser und Nicole Graf. Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek, Band 4, ISBN 978-3-85881-429-6, CHF 59.00.

«Swissair Luftbilder» ist der vierte Band mit Fotos aus dem Bildarchiv, bereits erscheinen sind Swissair Souvenirs, Die Welt im Taschenformat und Forschung im Fokus.

In einem Wettbewerb der ETH-Bibliothek gibt es den aktuellen Bildband zu gewinnen, unter: https://de-de.facebook.com/ETHBibliothek

Das Museum im Bellpark in Kriens zeigt unter dem Titel «Switzairland – ein Porträt aus der Vogelperspektive» (24.8. bis 2.11.2014) ebenfalls Aufnahmen aus dem Bestand des Swissair-Luftbilder. Es finden ausserdem vier Führungen zu folgenden Themen statt: Archiv, Natur- und Landschaftsschutz, Landschaft und Stadtentwicklung sowie Erfahrungen von zwei Luftbildfotografen.

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1 Kommentar

  • Robert Ernst 26. August 2014 06:39

    Ich habe mir vor Jahren den Bildband Luftaufnahmen der Schweiz aus den 50er Jahren in einer Brockenstube gekauft. Eine Dokumentation der Entwicklung in der Schweiz. Da ich beruflich viel geflogen bin, besitze ich viele neuere Aufnahmen. 1980 - heute: Der jeweilige Vergleich ist faszinierend.

     
     
 
 
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21.04.2015
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