Wie funktioniert Vertrauen im Netz?

05.05.2017 | News

Von:  Florian Meyer

Ein sicheres und zuverlässiges Internet schafft auch Vertrauen. Wie genau das Internet aber Vertrauen erzeugt, diskutieren Informatiker und Gesellschaftswissenschaftler der ETH gemeinsam – zum Beispiel am 9. Mai 2017 an einem öffentlichen Talk.

Wem vertraut man im Internet? Freunden oder auch Fremden? Und welche Rolle spielt die Technik fürs Vertrauen? (Bild: Colourbox.de)
Wem vertraut man im Internet? Freunden oder auch Fremden? Und welche Rolle spielt die Technik fürs Vertrauen? (Bild: Colourbox.de)

Vertrauen, sagen manche, sei für Wirtschaft und Gesellschaft fast wichtiger als Geld. Anders als das Geld ist das Vertrauen kein neutraler Wert- und Vergleichsmassstab, sondern eine Beziehungsqualität. Wer jemandem sein Vertrauen schenkt, gewährt andern gewisse Handlungsspielräume und erwartet dafür bestimmte Leistungen und Ergebnisse. In diesem Sinn vereinfacht Vertrauen die Kommunikation und auch die Beschaffung von Informationen.

Wo Vertrauen regelmässig enttäuscht oder gar missbraucht wird, kommt in der Regel das Recht zum Zug. Dafür, sagt Stefan Bechtold, der an der Grenze von Rechts- und Verhaltenswissenschaften forscht, haben die Gesellschaften die Institutionen des Rechts: «Wenn Menschen in der Gesellschaft und auf Märkten anonym aufeinander treffen, müssen sie den Aussagen anderer vertrauen können», sagt der ETH-Professor für Immatierialgüterrecht. «Dafür kennt das Recht zum Beispiel den Mechanismus des Vertrags.» Wer ein Auto kauft, kann vor Gericht klagen, wenn er oder sie nicht bekommt, wofür er oder sie bezahlt hat. Das gewährleistet der Staat.

Als Phänomen ist Vertrauen so vielschichtig, dass es nicht nur die persönlichen Beziehungen von Menschen betrifft, sondern auch ihre virtuellen im Internet – private wie geschäftliche. Weil im Internet die geografische Distanz eine geringe Rolle spielt, unterhalten die Menschen heute mehr Beziehungen mit Personen, Unternehmen und Institutionen aus andern Ländern und Kontinenten. «Das Thema ‹Internet und Vertrauen› ist deshalb wichtig», sagt Stefan Bechtold, «weil man es im Internet zunehmend mit Personen zu tun hat, die man nicht persönlich kennt, mit denen man aber Daten und Informationen austauscht und auch Verträge eingeht.»

Technische Frage mit menschlicher Note

Stefan Bechtold interessiert nun, woran es liegt, dass Nutzer den Aussagen von Personen, mit denen sie sich nur online austauschen, vertrauen oder nicht – und was es braucht, damit sie das Internet insgesamt für vertrauenswürdig halten und unbesorgt darin surfen können. Typische Vertrauensfragen entstehen im Internet beim Datenverkehr: Schliesslich sollte der Inhalt eines Datenpakets, das übers Internet verschickt wird, möglichst unverändert ankommen. Technische Verfahren der Informatik, die zu Vertrauen führen können, sind Verschlüsselungstechniken.

Dadurch können Personen ihre Nachrichten über das Internet austauschen, ohne dass sie von anderen gelesen oder verändert werden können. Dank einer digitalen Signatur darf ein Empfänger darauf vertrauen, dass er seine Daten genauso erhält, wie sie der Absender abschickte. Um zu verhindern, dass signierte Nachrichten manipuliert wurden, gibt es Hierarchien von Schlüsseln, so genannte Public-Key-Infrastrukturen. «Letztlich müssen die Nutzer der obersten Instanz solcher Infrastrukturen vertrauen», sagt Stefan Bechtold und ergänzt, dass man sich auch ein verteiltes System vorstellen könne, in dem man verschiedenen Instanzen vertraue.

In dieser Frage trifft sich der Rechtswissenschaftler mit dem Computerwissenschaftler: Als Professor für Netzwerksicherheit untersucht Adrian Perrig, wie man das Internet sicherer machen kann. Dabei befasst er sich mit einer neuen, alternativen Internetarchitektur namens SCION. Bechtold fragt sich, inwiefern solche Architekturen das Internet vertrauenswürdiger machen können und welche Schritte dafür ausserhalb der eigentlichen Netzwerk-Architektur notwendig sind. «Auch in so genannten ‹Future Internet Architectures› ist das Vertrauen der Schlüssel zu einer effizienten Datenkommunikation», sagt Stefan Bechtold. «Das betrifft aber nicht nur die Hard- und Software, sondern eben auch die Institutionen, Unternehmen und Personen, die im Internet handeln.»

Um festzustellen, wie eine Netzwerk-Architektur das Vertrauen in das Internet erhöhen oder beeinträchtigen kann, müssen die Forschenden sowohl technische Faktoren (Geschwindigkeit, Effizienz, Zuverlässigkeit und Sicherheit) als auch gesellschaftliche Aspekte (Überwachung, Anonymität, Privatsphäre, Meinungsfreiheit und Wettbewerb) beachten. Aus diesem Grund pflegt Stefan Bechtold den interdisziplinären Austausch mit Informatikern wie Adrian Perrig und Timothy Roscoe, Professor am ETH-Institut für Pervasive Computing. So haben Stefan Bechtold und Adrian Perrig ein gemeinsames Paper über Verantwortung in zukünftigen Internet-Architekturen veröffentlicht.

Die gesellschaftliche Seite des Internets

Ihre Zusammenarbeit umfasst auch die Lehre und den Wissenstransfer: So werden Bechtold, Perrig und Roscoe am 9. Mai 2017 mit weiteren Experten an einer Podiumsveranstaltung über «Internet und Vertrauen» diskutieren. Die Veranstaltung ist der Auftakt zu einer Talk-Serie, die sich am Kursprogramm «Science in Perspective» orientiert, das das ETH-Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften (D-GESS) im Herbst 2016 lanciert hat. Darin widmen sich ETH-Studierende den normativen, historischen und kulturellen Perspektiven der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Die «SiP Talks» ergänzen diese Lehrveranstaltungen und werden vom D-GESS gemeinsam mit Dozierenden anderer ETH-Departemente und externen Gästen gestaltet (vgl. Kasten).

Durch den Austausch mit den Informatikern kann der Rechtswissenschaftler Bechtold konkreter erfassen, wann Misstrauen im Internet eine juristische Lösung erfordert und wann eine technische Lösung zielführender ist. «Wenn es einen technischen Mechanismus gibt, der Vertrauen gesamtgesellschaftlich billiger und einfacher herstellen kann als es juristische Verträge tun, wieso sollte man das nicht ausprobieren?»

Science in Perspective-Talks

Die «Science in Perspective-Talks» greifen aktuelle Themen auf, in denen Wissenschaft und Technologie eine gesellschaftliche Dimension haben. Beispiele sind Internetsicherheit, Monetarisierung der Hochschulbildung oder Schelte wissenschaftlicher Expertinnen und Experten durch die Politik. Die Talks richten sich an Studierende, Forschende und Mitarbeitende der ETH Zürich sowie an die interessierte Öffentlichkeit.

Internet and Trust — SiP Talk #1

Dienstag, 9. Mai 2017, 17.30 - 19.00 Uhr, anschliessend Apéro
ETH Zürich, Hauptgebäude, Semper Aula (HG G60)

Begrüssung und Einführung

Michael Hampe, Vorsteher des ETH-Departements Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften

Teilnehmer der Podiums-Diskussion

  • Stefan Bechtold, ETH-Professor für Immaterialgüterrecht
  • Jovan Kurbalija, Leiter der Geneva Internet Plattform
  • Adrian Perrig, ETH-Professor für Netzwerksicherheit
  • Timothy Roscoe, ETH-Professor am Institut für Pervasive Computing
  • Brian Trammell, Forscher an der ETH-Professur für Vernetzte Systeme und Mitglied des Internet Architecture Board

Diskussion und Veranstaltung werden auf Englisch durchgeführt.

Weitere Informationen finden sich auf der Website des Veranstalters.

Literaturhinweis

Bechtold S., Perrig A. Law and Technology: Accountability in Future Internet Architectures. Communications of the ACM, September 2014, Vol. 57, No. 9, doi: 10.1145/2644146

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