Laissez-faire reicht beim Aufforsten nicht

15.02.2017 | News

Von:  Fabio Bergamin

Überlässt man Wiederaufforstungs-Flächen von tropischen Wäldern der Natur, kann sich der Bestand gewisser gefährdeter Baumarten nicht erholen. Insbesondere gilt dies für Bäume mit grossen Früchten, deren Samen von Vögeln ausgebreitet werden, wie ETH-Wissenschaftler in einem Regenwald in Indien zeigten.

fragementierter Regenwald
Eine fragmentierte Regenwaldlandschaft in den Westghats, Indien. (Bild: ETH Zürich / Sascha Ismail)

Um tropische Regenwälder wieder aufzuforsten, reicht es oft nicht, Schutzzonen einzurichten und diese sich selbst zu überlassen. Vor allem Baumarten mit grossen Früchten, deren Samen von Vögeln verbreitet werden, müssen aktiv gepflanzt werden. Dies ist eine der Schlussfolgerungen einer grossangelegten Studie von Wissenschaftlern der ETH Zürich in den Westghats, dem Küstengebirge im Westen Indiens. Der dortige Regenwald ist heute stark fragmentiert. Insbesondere Ende des 20. Jahrhunderts fielen grosse Flächen einer intensiven Holznutzung und neuangelegten Kaffee- und Teeplantagen zum Opfer.

Die Forschenden der ETH gingen zusammen mit indischen Kollegen der Frage nach, wie gut sich Bäume von verbliebenen Regenwald-Flecken auf früher gerodete und nun wieder bewaldete Flächen ausbreiten können. Im Zentrum ihrer Untersuchung stand die tropische Baumart Dysoxylum malabaricum, die zur Mahagoni-Familie gehört. «Diese Regenwaldriesen überragen die anderen Bäume und besetzen damit eine ökologisch wichtige Nische», sagt Chris Kettle, Wissenschaftler am Institut für terrestrische Ökosysteme der ETH Zürich, der die Studie leitete.

Holz von Dysoxylum malabaricum  
Das Holz von Dysoxylum malabaricum ist hochwertig und wird immer noch für den Bau von Häusern, Tempeln und Möbeln verwendet. Wegen der Übernutzung ist die Baumart nun gefährdet. (Bild: ETH Zürich / Sascha Ismail)
Der Malabartoko, ein Nashornvogel, frisst Früchte  
Der Malabartoko (Ocyceros griseus), ein Nashornvogel, ist der hauptsächliche Samenverbreiter des Tropenbaums Dysoxylum malabaricum. Hier im Bild frisst der Vogel Früchte eines anderen Baums. (Bild: UdayKirna28 / Creative Commons)

Die Samen fallen nicht weit vom Stamm

Die Samen des Baums werden vor allem von einer bestimmten Nashornvogel-Art, dem Malabartoko, verbreitet. Dieser frisst die feigengrossen und fleischigen Früchte und scheidet die darin enthaltenen Samen später wieder aus. Wie weit die Nashornvögel die Samen in ihrem Körper mittragen, war bisher nicht bekannt. Weil die Vögel weite Strecken zurücklegen, wäre es möglich, dass sie zu einer raschen weitreichenden Ausbreitung des Baums beitragen.

Dies ist jedoch nicht der Fall, wie die ETH-Forschenden nun herausfanden. Mit Mutterschaftsuntersuchungen bei Keimlingen und ausgewachsenen Bäumen konnten sie zeigen: Die Keimlinge spriessen in aller Regel höchstens 200 Meter vom Mutterbaum entfernt, in vielen Fällen in nur 40 bis 100 Meter Entfernung. «Wir gehen davon aus, dass die Nashornvögel die Samen relativ nah am Futterbaum wieder hochwürgen, um nicht mit dem Magen voller schwerer Samen fliegen zu müssen», sagt ETH-Doktorand Sascha Ismail, Erstautor der im Fachmagazin «New Phytologist» veröffentlichten Studie.

Unreife Frucht an Dysoxylum malabaricum.  
Unreife Frucht an Dysoxylum malabaricum. (Bild: Mike Charkow)
Die Frucht von Dysoxylum malabaricum  
Die Frucht von Dysoxylum malabaricum enthält viel Fruchtfleisch und vier Samen. (Bild: ETH Zürich / Sascha Ismail)

Bäume müssen aktiv gepflanzt werden

Dieses Forschungsergebnis hat Konsequenzen für die Wiederaufforstung von Regenwäldern: «Dass die untersuchte Baumart in einem fragmentierten Lebensraum alleine über die natürliche Samenausbreitung gerodete Flächen wiederbesiedelt, ist sehr unwahrscheinlich», sagt Kettle. Ähnliches gelte auch für andere bedrohte tropische Baumarten mit grossen Früchten, deren Samen von Vögeln verbreitet werden. Denn Hinweise, dass solche Samen nur lokal ausgebreitet werden, hat Kettle auch von anderen fragmentierten Tropenwäldern weltweit.

«Damit Regenwald-Aufforstungsprojekte erfolgreich sind, muss man ein besonderes Augenmerk auf diese Bäume richten», so Kettle. «Will man ihre Verbreitung fördern, gibt es keinen anderen Weg, als ihre Samen zu sammeln, Baumschulen einzurichten und später die Jungbäume aktiv zu pflanzen.»

Für die Mutterschaftstests waren die Forschenden in einem 216 Quadratkilometer grossen Gebiet unterwegs (deutlich grösser als die Fläche des Schweizer Nationalparks). Sie untersuchten die DNA von allen 235 dort vorkommenden ausgewachsenen Bäumen sowie von 448 Keimlingen. «Es ist dies die grösste Studie dieser Art, die je in einem fragmentierten tropischen Ökosystem durchgeführt wurde», sagt Kettle.

Regenwald-Fragment
Bei einigen der höchsten Bäume dieses Regenwald-Fragments handelt es sich um Dysoxylum malabaricum. (Bild: ETH Zürich / Sascha Ismail)

Literaturhinweis

Ismail S, Ghazoul J, Ravikanth G, Kushalappa CG, Shaanker RU, Kettle CJ: Evaluating realized seed dispersal across fragmented tropical landscapes: a two-fold approach using parentage analysis and the neighbourhood model. New Phytologist 2017, doi: 10.1111/nph.14427

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