Der Holocaust ist nicht «unvorstellbar»

27.01.2015 | News

Von:  Florian Meyer

Heute vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Im Interview legt Gregor Spuhler, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, dar, wie das Archiv zum Gedenken an den Holocaust beiträgt.

Eduard Kornfeld (*1929) erzählt vor Schülerinnen und Schülern, wie er einen Todesmarsch ins Konzentrationslager Dachau und die Befreiung durch US-Soldaten erlebte. (Video: ETH Zürich/Archiv für Zeitgeschichte)
Gregor Spuhler, Leiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich. (zvg)  
Gregor Spuhler.

ETH-News: Eduard Kornfeld überlebte den Holocaust. In einem Video-Mitschnitt, den das Archiv für Zeitgeschichte am Holocaust-Gedenktag 2008 aufzeichnete, schildert er eindrücklich, wie er 1945 die Verlegung von Kaufering (bei Augsburg) ins Konzentrationslager Dachau überlebte, und wie er später, nachdem die Amerikaner das Lager befreit hatten, nur dank sehr viel Glück nicht an einer Fehlernährung starb.
Gregor Spuhler: Das Bewusstsein, dass sie mit Glück überlebten, ist bei Holocaust-Überlebenden in vielen Fällen sehr ausgeprägt. Viele überlebten als einzige ihrer Familie. So auch Eduard Kornfeld: Von den acht Mitgliedern überlebten nur er und ein Bruder. Viele Überlebende rangen ihr Leben lang mit der Frage, weshalb gerade sie das Glück hatten, zu überleben und andere nicht.

Eduard Kornfeld war sowohl KZ-Häftling in Auschwitz als auch danach in Dachau.
Ja, er wuchs in der Slowakei in Bratislava auf und versteckte sich mit seinem Bruder zunächst in Ungarn. Dort wurde er 1944 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Anschliessend brachte man ihn zur Zwangsarbeit in die Messerschmitt-Werke bei Augsburg und von dort nach Dachau, wo er 1945 die Befreiung durch US-Soldaten erlebte.

Inwiefern hatte er Glück, dass er überlebte?
Er überlebte, nachdem er auf einem Todesmarsch nach Dachau völlig erschöpft in einen Bus der Nationalsozialisten einstieg. In der Regel wurden KZ-Häftlinge, die nicht mehr weiter marschieren konnten, erschossen. Aus unerfindlichen Gründen passierte das nicht, sondern der Bus fuhr bis Dachau. Nach der Befreiung überlebte er, weil er bloss eine halbe Portion Speck und Bohnen erhielt, während diejenigen, die eine ganze assen, daran starben. Ihre völlig ausgehungerten Körper ertrugen die von den US-Soldaten gut gemeinte, schwere Kost nicht.

Das Video entstand während einer Veranstaltung des Archivs für Zeitgeschichte?
Von 2005, als der Holocaust-Gedenktag eingeführt wurde, bis 2012 führte unsere «Dokumentationsstelle für Jüdische Zeitgeschichte» jedes Jahr Zeitzeugen-Anlässe mit Schulklassen ab dem 10. Schuljahr durch. Die Zeitzeugen erzählten jeweils eine Stunde lang im Archiv von ihrem Schicksal und diskutierten darüber mit den Schülerinnen und Schülern. Wir organisierten 27 Begegnungen, die wir alle in Ton und Bild aufzeichneten. Seit zwei Jahren bieten wir Schulklassen Workshops zum Themenkreis Holocaust/Zweiter Weltkrieg an. Für diese verwenden wir die Ton- und Video-Mitschnitte zusammen mit anderen Schriftquellen aus dem Archiv.

Was ist das Ziel dieser Begegnungen und Workshops?
Das Ziel ist es, die historischen Zusammenhänge anschaulich zu vermitteln, indem die Zeitzeugen ihre individuelle Geschichte erzählen. Dadurch wollen wir heutige Generationen sensibilisieren, damit sich ein solcher planmässig umgesetzter Völkermord nicht wiederholen kann.

Wie veranschaulichen die Begegnungen mit Zeitzeugen die Erinnerung an den Holocaust?
Wenn ein Überlebender wie Eduard Kornfeld einer Schulklasse erzählt, wie er die Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs erlebte, dann werden die historischen Ereignisse für Schülerinnen und Schüler sehr realistisch, anschaulich und nachvollziehbar. Das ist uns wichtig, denn der Holocaust erscheint in der öffentlichen Diskussion zuweilen wie ein gigantisches, in seiner ganzen Gewalt aber unvorstellbares Ereignis. Eine solche Darstellung birgt die Gefahr einer Mythologisierung. Der Holocaust ist aber nicht «unvorstellbar». Man kann sehr real beschreiben, wie er die individuellen Leben von Millionen von Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen Europas betraf, bedrohte und zerstörte.

Worauf achten Sie in den Workshops mit den Schulklassen?
Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler von den Schilderungen der Holocaust-Überlebenden nicht einfach emotional überwältigt werden, sondern auch Fragen stellen. Eine wichtige Frage, die regelmässig kommt, ist, wie Holocaust-Überlebende ihre schrecklichen Erfahrungen verarbeiten und in den Jahrzehnten nach dem Krieg wieder zu einem – mehr oder weniger – geregelten Familienleben finden konnten.

Und wie verarbeiten die Überlebenden ihre Erfahrungen?
Konzentrationslager wie Dachau und Auschwitz erlebt zu haben, ist eine der schlimmsten menschlichen Erfahrungen. Keine Frage. Wie jemand eine traumatische Verfolgungserfahrung verarbeitet, hängt jedoch nicht allein von der äusseren Gewaltanwendung ab, sondern auch von individuellen Faktoren.

Haben Sie im Archiv ein Beispiel dafür?
Wir haben einen Video mit einem Überlebenden, der auf Todesmärschen war und grausam misshandelt wurde. Die schlimmste Erfahrung war für ihn jedoch, als er als 16-Jähriger mit der 20-köpfigen Familie im Versteck sitzt und die Nationalsozialisten durchsuchen ihr Haus. Seine ältere Schwester hat ein Kleinkind, und wenn dieses schreit, würden alle gefunden und deportiert. Deshalb deckt die Mutter das Baby zu und nimmt in Kauf, dass es erstickt – was zum Glück nicht geschieht. Für jenen Jugendlichen war die Erfahrung, dass es den Tätern gelingt, die Opfer zu potentiellen Mördern ihrer eigenen Kinder zu machen, weit schlimmer als alle körperliche Gewalt, die er im Lager erlitt.

Planen Sie im Archiv einen Gedenk-Anlass für 2015?
Die Idee des Gedenktages ist wichtig, denn das heisst, dass sich die Gesellschaft mit Holocaust und Völkermord und den Gründen, die dazu führten, auseinandersetzt. Als Archiv haben wir 2013 mit den organisierten Zeitzeugenanlässen rund um den 27. Januar aber aufgehört – einerseits, weil die Zahl der Zeitzeugen, die noch Auskunft geben können, schwindet, anderseits, weil für manche Schulklassen der Tag nicht gut zum Stunden- oder Lehrplan passte. Stattdessen bieten wir nun das ganze Jahr über Workshops für Schulklassen an.

Sie haben auch schriftliche Dokumente im Archiv.
Ja. Neben Zeitzeugnissen können wir auch Schriftdokumente zeigen – etwa Akten aus dem Archiv des Verbandes Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen, der damals über 20‘000 jüdische Flüchtlinge in der Schweiz betreute. Diese Akten werden wir bis Ende 2015 in Zusammenarbeit mit dem DigiCenter der ETH und dem Holocaust Memorial Museum Washington vollständig digitalisieren. Dies erleichtert die Forschung, zumal wir aus der ganzen Welt Anfragen zu Flüchtlingen, die in der Schweiz überlebten, erhalten.

Gabor Hirsch, Überlebender des NS-Vernichtungslagers Auschwitz, mit Schülerinnen und Schülern, Januar 2007. (Bild: ETH Zürich/Archiv für Zeitgeschichte)  
Auschwitz-Überlebender Gabor Hirsch mit einer Schulklasse 2007. (Bild: ETH Zürich/Archiv für Zeitgeschichte)

Beitrag zur Dokumentation des Holocaust

Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich sichert Schrift-, Ton- und Bilddokumente aus privatem Besitz zur Geschichte der Schweiz vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart und macht diese historischen Quellenbestände öffentlich zugänglich.

Mit seiner Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte schliesst das Archiv für Zeitgeschichte eine Lücke in der schweizerischen Archivlandschaft. Als Forschungsstätte wider das Vergessen gehört es international zu den Archiven der Shoa und leistet im Verbund mit zahlreichen anderen Institutionen einen schweizerischen Beitrag zur Dokumentation des Holocaust.

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