«Hacker» mit Leib und Seele

13.10.2014 | News

Von:  Florian Meyer

In nur 40 Stunden eine Computer-App entwickeln – das haben an diesem Wochenende rund 350 Teilnehmende am Programmier-Marathon «HackZurich» erlebt. Gewonnen hat eine App, mit der sich ferne Orte per Smartphone erkunden lassen.

HackZurich Gewinnerteams Technopark (Bild: ETH Zürich/Florian Meyer)  
Die Gewinnerteams gemeinsam auf der Bühne: Der «HackZurich» ist sowohl ein Wettbewerb als auch ein Erlebnis. (Bild: ETH Zürich/Florian Meyer)

Technopark Zürich, Freitagabend, 18 Uhr: Rasmus Rothe steht auf der Bühne. 461 Computerfans und IT-Interessierte hören ihm zu. Rasmus Rothe ist der Organisationsleiter des «HackZurich», des bisher grössten Programmier-Marathons in der Schweiz.

Rasmus Rothe weiss, wie er sein Publikum gewinnt. «Wer von Euch kommt nicht aus Schweiz?», fragt er in die Runde. Dutzende heben ihre Hand. Über hundert sind aus dem Ausland angereist: Aus Deutschland viele, andere aus Zentral- und Osteuropa oder Amerika: «Das hier ist der wohl bestorganisierte Hackathon. Ihr macht das gut hier in der Schweiz», sagt Chris Traganos, Web Developer und Blogger aus den USA.

Schnell und kreativ zur Lösung

Rasmus Rothe ist Doktorand am Institut für Bildbearbeitung der ETH (D-ITET), und er ist begeistert: Der «HackZurich» ist erst der dritte Hackathon, den Studierende der Universität Zürich und der ETH Zürich organisieren – diesmal mit grösserer internationaler Ausrichtung. In den beiden Vorjahren machten noch 40, beziehungsweise 80 Personen mit. In diesem Jahr nehmen bereits 352 teil. Ein Viertel sind Frauen. Die meisten studieren. Der Jüngste ist 17 Jahre alt.

Rasmus Rothe überträgt seinen Enthusiasmus spielend auf die versammelten Computerfans. Mit feinem Sinn für Humor projiziert er eine Twitter-Nachricht aus dem Web an die Wand: «Meine Mutti vorhin so zum #HackZurich: "Ist das denn legal?"».

Tatsächlich hat der «HackZurich» nichts zu tun mit einem widergesetzlichen Eindringen in fremde Computer. An dem Hackathon geht es vielmehr darum, dass die Teilnehmenden in nur 40 Stunden eine neue, funktionierende Anwendung entwickeln. Schnell müssen die «Hacker» sein, kreativ und Teamplayer. Zwei bis vier Mitspieler umfassen die Teams, die jeweils eine Idee in eine App umsetzen. Ihre Codes müssen sie im Wettbewerb schreiben. Vorher geschriebene Codes sind unzulässig.

Vom Codieren zum Start-up

Ein Hackathon ist mehr als ein Wettbewerb – er ist auch ein Erlebnis: «Wir bringen den typischen ‹Hackathon-Spirit› aus den USA in die Schweiz», sagt Rasmus Rothe. Diesen Spirit verkörpert Josh Miller, der die Teilnehmenden auf den «HackZurich» einstimmt. Er selbst nahm vor wenigen Jahren an einem Hackathon teil, obwohl er keine Programmierkenntnisse besass. Miller gründete danach das Start up «Branch Media», das Lösungen für Web-Konversationen entwickelt. Anfang 2014 konnte der 24-Jährige die Firma für 15 Mio. Dollar an Facebook verkaufen. Dort arbeitet er nun als Produkt Manager. «Mission driven» sollen sie sein, gibt Miller den Hackern mit auf den Weg.

Auch darum geht es am Hackathon: «Der schönste Erfolg ist für uns, wenn aus einem Hackathon-Team ein Start-up entsteht», sagt Daniel Meile, der Präsident des ETH Entrepreneur Clubs , «Letztlich sollen die Teams Produkte entwickeln, welche etwas in der Welt bewirken.» Der ETH Entrepreneur Club ist eine Studierenden-Initiative, die Studierende zusammenführt, die eine Firma gründen wollen. Zusammen mit dem Pendant der Universität, den «UZH Startuppers», organisieren die ETH Entrepreneurs den «HackZurich», aber auch das «Start-up Speed Dating» am 5. November an der ETH Zürich.

43 Sponsoren und 2,2 Tonnen Esswaren

Freitagabend, acht Uhr: Als eine Plattform, wo Studierende Software-Probleme schnell und unkonventionell angehen, ist der Hackathlon für Firmen attraktiv. 43 Sponsoren unterstützen den Anlass. Die Hauptsponsoren organisieren Workshops, um Hacker, die noch unschlüssig sind, auf eine Idee zu bringen und sie mit der nötigen Technik zu unterstützen: So animieren sie zum Beispiel zu Apps, die Bilder bewegen, Unwetter vorausberechnen oder webbasiert Modellrennwagen steuern.

HackZurich Siegerteam Immersive (Bild: HackZurich)  
Das Siegerteam: Johannes Schickling, Elisaweta Masserova, Emanuel Jöbstl und ETH-Doktorand Matthias Standfest (D-ARCH). (Bild: Manuel Maisch)

Auch Studierende erhalten 45 Sekunden, um ihre Idee vorzutragen und ein Team zu bilden. Schliesslich richten sich die Teams an den zahlreichen Tischen ein und stellen ihre Laptops und Ladegeräte auf.

Ab Freitag halb elf wird gehackt. Bis Samstag, 6 Uhr reichen die Teams 101 Projekte ein. Bis zur Abgabe am Sonntagmorgen schreiben die Teams insgesamt rund 245 000 Zeilen Codes.

Vor allem gilt es, durchzuhalten: Dazu stehen 2,2 Tonnen Esswaren und 3400 Liter Getränke bereit, zum Beispiel Pizzaschachteln oder Müeslibecher. Zur Abwechslung gibt es Tischfussball, Ping Pong oder Spielkonsolen. «Das wird ein Super-Weekend», sagt einer, der auch seine Schlafmatte dabei hat.

Sieger-App: «Einfach anwenden»

Sonntagnachmittag, 14 Uhr: Der Final mit den 25 besten Ideen beginnt. «Fühlt Ihr Euch gut?», fragt Rasmus Rothe die Runde. Ein starkes «Ja» zeigt, wie gespannt das Publikum ist. Je zwei Minuten haben die Finalisten Zeit, die Jury zu überzeugen. Ihre Ideen decken unterschiedlichste Anwendungsgebiete ab: Apps, die einen beim Einkaufen und Kochen unterstützen, gibt es ebenso wie Apps, um Kontakte zu gleichgesinnten Personen zu pflegen.

Um 16 Uhr ist es soweit, die Gewinner werden ausgerufen: «And the winner is… Team Immersive». Immersive sind vier Informatikstudierende aus Deutschland: Johannes Schickling, Emanuel Jöbstl, Matthias Standfest und Elisaweta Masserova. Standfest seinerseits ist Doktorand an der Professur für Informationsarchitektur der ETH Zürich (D-ARCH).

Mit ihrer App lassen sich per Smartphone-Kamera Räume erkunden, auch weit entfernte, wie wenn man in einer fremden Stadt ein Zimmer mieten will. Neben der App haben sie in den zwei Tagen auch eine Homepage mit Fotobeispielen aufgebaut. Total überwältigt sei sie, sagt Elisaweta Masserova. Auch für Teamkollege Emanuel Jöbstl kommt der Sieg unterwartet, nach 40 Stunden programmieren fehlen ihm die Worte: «Aber unsere App ist ja online – man kann sie einfach anwenden.»

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27.04.2017
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