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Beim Trinkwasser ist nicht alles klar

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Rund 800 Millionen Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, trotz grosser Anstrengungen der Entwicklungshilfe. Eine Studie von Forschern der ETH Zürich und der FU Amsterdam hat den Effekt solcher Massnahmen am Beispiel Benins untersucht.

Klaus Wilhelm

Verschmutzes Wasser aus Tümpeln oder verunreinigte Transportgefässe sind Quellen für Durchfallerkrankungen
Verschmutzes Wasser aus Tümpeln oder verunreinigte Transportgefässe sind Quellen für Durchfallerkrankungen. Doch neue kommunale Brunnen allein können die Wasserqualität nur bedingt verbessern. (Bild: Isabel Günther)


Dieser Beitrag ist erschienen in ETH Globe 4/2011:
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Verschmutztes Trinkwasser ist eines der grössten gesundheitlichen Probleme in Afrika. Auch in Benin, dem kleinen Land nordwestlich Nigerias mit seinen acht Millionen Einwohnern. Einem der ärmsten Staaten überhaupt: Etwa die Hälfte der Einwohner bleibt unter der internationalen Armutsgrenze von 1,25 Dollar Einkommen täglich. Meist leben die Menschen in Dörfern, die anders strukturiert sind als etwa in der Schweiz: Einen Dorfkern sucht man vergeblich; die Lehmhütten der Haushalte verstreuen sich auf einem vergleichsweise grossen Gebiet.

Vor allem für Frauen und Mädchen bedeutet das täglich stundenlang laufen, um Wasser am nächsten Fluss, Tümpel oder traditionellen Brunnen zu holen. Sehr oft verschmutztes Wasser, das besonders die Kinder, aber auch Erwachsene an Durchfall und anderen Leiden erkranken lässt. «Allerdings wandeln sich die Dinge langsam», sagt Isabel Günther, Assistenzprofessorin für Entwicklungsökonomie am NADEL der ETH Zürich. Dies kann sie nach Abschluss einer gemeinsamen Studie mit der Freien Universität Amsterdam feststellen, die den Effekt des Baus von öffentlichen Brunnen beziehungsweise Wasserpumpen im Süden des Landes gemessen hat – soweit das empirisch und statistisch machbar ist.

Nationales Wasserprogramm

«Unsere Studie ist eine der wenigen, die den Effekt einer gross angelegten bilateralen Entwicklungshilfemassnahme wissenschaftlich beleuchtet hat», sagt die Ökonomin – was angesichts der Masse solcher Projekte überrascht.

Im konkreten Fall geht es um das Nationale Wasserprogramm von Benin, das die einheimische Verwaltung organisiert und leitet, aber von der deutschen und niederländischen Regierung mit jährlich rund zwölf Millionen Euro gespeist wird. Das erklärte Ziel: mit dem Bau kommunaler Brunnen respektive Wasserpumpen den Zugang zu sauberem Wasser auf dem Land zu verbessern. Das Ganze im Rahmen der Millennium-Ziele der Vereinten Nationen, wonach die Zahl der Menschen ohne nachhaltigen Zugang zu sauberem Wasser bis 2015 halbiert werden soll. Die dafür optimale Lösung – der Bau eines Leitungsnetzes und eine Versorgung mit Wasserhähnen in jedem Haushalt – können sich Länder wie Benin bisher nicht annähernd leisten.

Was also bringt das Programm der kommunalen Brunnen? Um den spezifischen Effekt einer Wasserpumpe abseits anderer Einflussgrössen festzustellen, haben die Forscher ausgenutzt, dass einige Dörfer im Jahr 2009, andere erst 2010 oder später ihre(n) Brunnen bekamen. So liessen sich zwei vergleichbare Gruppen bilden.

In 100 der «2009er-Dörfer», der sogenannten Interventionsgruppe, wurden per Befragung Anfang 2009 alle relevanten Daten vor dem Brunnenbau in einer repräsentativen Stichprobe der Haushalte erhoben: unter anderem zu verbrauchter Wassermenge, der Wasserqualität und Gesundheitsaspekten. Das Gleiche wurde Anfang 2009 auch in jenen 100 Dörfern ermittelt, die erst später Brunnen erhielten. Diese dienten als Kontrollgruppe. Hinsichtlich Bevölkerungs- und Infrastruktur, geografischer Lage und ökonomischen Ausgangsbedingungen waren alle Dörfer vergleichbar.

Nach Ende der Massnahme in den «2009er-Dörfern», also vor Beginn des Brunnenbaus in den Dörfern der Kontrollgruppe, wurden alle relevanten Daten überall noch einmal abgefragt. Dann rechneten die Forscher aus: Was hat sich verändert in den Dörfern der Interventionsgruppe nach Bau der Brunnen im Vergleich zu den Dörfern der Kontrollgruppe.

Brunnen allein helfen nicht viel

Erstes und wichtigstes Ergebnis der Studie, die von der deutschen und niederländischen Entwicklungshilfe finanziert wurde: «Die Versorgung mit neuen kommunalen Brunnen ist eine effektive Massnahme und verbessert die Wasserqualität erheblich, messbar an der Menge der enthaltenen Escherichia-coli-Bakterien», betont Günther. Aber, und das ist der Wermutstropfen: Nur an der Quelle. Auf dem Weg nach Hause und im Haushalt selbst wird das Wasser wieder kontaminiert. Entweder weil die Transportgefässe von vornherein belastet sind oder weil sie durch das Eintauchen von Händen beim Schöpfen des Wassers in den Haushalten verseucht werden. «Das ist mit den überwiegend verwendeten Gefässen nahezu unvermeidlich», sagt die ETH-Ökonomin, «ich habe es selbst ausprobiert.»

So sinkt auch die Zahl der Durchfallerkrankungen nicht – bedingt durch das Wasser und die allgemeinen sanitären Bedingungen in und um die Lehmhütten. «Das ist ein Punkt, an dem wir zukünftig ansetzen müssen», merkt Isabel Günther an, «der Bau von kommunalen Brunnen allein führt nur noch selten zu Gesundheitsverbesserungen.» Gefragt sei gleichzeitig eine Hygiene-Strategie, die nicht nur auf das schwer zu verändernde Verhalten von Menschen abzielt.

Technische Lösungen könnten helfen, etwa die Zugabe von Chlor zum Wasser oder der Einsatz von Filtern. Es bringe schon etwas, «wenn man neue, mit Hähnen bestückte Wasserspeicher an die Leute verteilt, obwohl das sicher nicht die ganze Lösung ist». Kurzum: Es braucht mehr Geld aus der Entwicklungshilfe für den vernachlässigten Hygiene-Bereich sowie eine nationale, koordinierte Hygiene-Strategie.

Nächste wichtige Erkenntnis: Der Bau von Brunnen verkürzt die Beschaffungszeit für Wasser um fast eine Stunde täglich. Diese Zeitersparnis könnte noch grösser sein, wenn lange Schlangen an den Brunnen vermieden werden könnten. Viele Haushalte verbrauchen nun jedoch mehr Wasser als zuvor. Das heisst, die Frauen gehen jetzt, bedingt durch die kürzere Distanz, häufiger zur Wasserpumpe. Die reine Distanz zur Wasserstelle sei deshalb kein gutes Kriterium, um den Zeitaufwand für die Wasserbeschaffung einzuschätzen. Und: Erstaunlicherweise nutzen nicht alle Frauen die neuen Wasserquellen. 2010 zogen 26 Prozent der Haushalte trotz neuer Brunnen die traditionellen Wasserquellen vor, und weitere 28 Prozent nutzen sowohl den neuen Brunnen als auch die ungeschützte alte Wasserquelle.

Dass der Bau der Brunnen jahrelang einer reinen Nachfragestrategie gefolgt ist, bewertet Isabel Günther als nicht optimal. Denn weil in der Vergangenheit jedes Dorf für den Bau eines Brunnens 200 Euro berappen musste, bekamen einige grössere und wohlhabendere schon eine zweite oder dritte Wasserstelle, wohingegen ärmere Dörfer lange leer ausgingen. Eine datenbasierte Verteilung sei geschickter, wo die Behörden sich ansehen, wer bereits wie viele Wasserpumpen hat – gemessen an den Bewohnern in einem bestimmten Umkreis.

Ob der Bau der Brunnen die wirtschaftliche Entwicklung positiv beeinflusst hat, ist auch mit statistischen Methoden kaum nachweisbar, weil ökonomische Prozesse einfach von zu vielen Faktoren abhängen. Dennoch hat die Zürcher Forscherin versucht, den spezifischen Effekt der Zeitersparnis auf die wirtschaftliche Entwicklung abzuschätzen. Hochgerechnet ergibt sich für einen Haushalt – allein bedingt durch den neuen Brunnen – eine Erhöhung des jährlichen Einkommens um fast ein Prozent.

«Über verbesserte Wasserqualität und die damit eingesparten Gesundheitskosten», sagt Isabel Günther nochmals, «könnte man allerdings viel mehr erreichen.» Die Forscherin betont, dass die Ergebnisse der Studie nicht nur relevant für Benin seien, sondern fundierte Hinweise für die Wasser-Strategie in ganz Afrika gäben. Und dass es wünschenswert wäre, «wenn die saubere Methodik unserer Studie öfter bei der Bewertung von Entwicklungsmassnahmen eingesetzt würde.»

 

Weblinks
NADEL (Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer): www.nadel.ethz.ch

 

Weitere Highlights der Ausgabe 4/2011:
Konfliktstoff Wasser: Die Bevölkerung wächst beständig  - und mit ihr die Nachfrage nach der begrenzten Ressource Wasser. Doch steigt damit auch die Kriegsgefahr? ETH-Politikwissenschaftler Thomas Bernauer gibt Antwort. Mehr
Der Ernährungsprofi des FC Basel:
Paolo Colombani, ETH-Ernährungswissenschaftler und Experte in Sachen Sporternährung, gehört seit neuestem zum Team des FC Basel. Dort sorgt er unter anderem dafür, dass Shaqiri, Streller und Co. «richtig» essen und trinken. Mehr

 

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