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Die Weltbevölkerung wächst auf über sieben Milliarden Menschen. Damit steigt auch die Nachfrage nach der begrenzten Ressource Wasser. Doch führt Wassermangel zu Krieg und welche Länder sind besonders gut dagegen gewappnet? Ein Gespräch mit Thomas Bernauer, Professor für Politikwissenschaft.
Interview: Thomas Langholz
Dieser Beitrag ist erschienen in ETH Globe 4/2011:
Download (pdf, 7.2 MB)
Der frühere UN-Generalsekretär Boutros Gali prophezeite: «Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt.» Hat er Recht?
Thomas Bernauer: Dieser Aussage stehe ich sehr kritisch gegenüber. Als Wissenschaftler beobachtet man vor allem das Nachweisbare aus der Vergangenheit und versucht daraus Schlüsse auf Entwicklungen in der Zukunft zu ziehen – alles andere ist Spekulation. Unsere Untersuchungen bestätigen diese Aussage nicht.
Das heisst, es wird nicht zu Kriegen kommen?
Das habe ich nicht gesagt. Doch bevor ich eine solche Aussage treffe, muss ich erst einmal die Begriffe differenzieren. Es wird oft pauschal von Krieg und Konflikten gesprochen. Was ist darunter zu verstehen? Ist es ein verbaler Konflikt innerhalb eines Landes, eine Auseinandersetzung zwischen zwei Dörfern oder ein Krieg zwischen zwei Ländern, also ein internationaler Gewaltkonflikt?
Wie beurteilen Sie das Konfliktpotenzial zum Thema Wasser?
Es gibt verschiedene Auseinandersetzungen um Wasser. In der Vergangenheit gab es jedoch weder einen internationalen Krieg noch Bürgerkriege um Wasser. Einige Bürgerkriege werden heute in Ländern geführt, in denen das Wasser knapp ist, zum Beispiel Sudan oder Ostanatolien. Wasser ist bei diesen Konflikten aber eine Begleiterscheinung und nicht die Ursache.
Es ist aber eine Tatsache, dass Süsswasser immer knapper wird. In Europa zum Teil durch Touristen, die viel mehr Wasser verbrauchen, als das Land hat, oder auch durch die wachsende Weltbevölkerung mit jetzt über sieben Milliarden Menschen, die Wasser benötigen.
Die Wassermenge auf der Erde bleibt konstant. Durch den Klimawandel verändert sich aber der hydrologische Kreislauf auf der Welt. Dadurch bekommen einige Regionen weniger Wasser, andere leiden unter Überschwemmungen. Das heisst, die bestehenden Ressourcen werden etwas anders verteilt. In einem Projekt zum Sambesi haben wir untersucht, welcher Effekt mehr Einfluss auf den Wassermangel hat – die Klimaveränderung oder wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Wir stellten fest, dass die erhöhte Nachfrage durch das Bevölkerungswachstum und andere menschliche Faktoren einen viel grösseren Effekt auf die Wasserressourcen hat und haben wird als der Klimawandel. Den grössten Bedarf hat die Landwirtschaft. Wenn die Anbaumethoden geändert werden, indem die bewässerte Landwirtschaft intensiviert wird, kann dies sogar im sehr wasserreichen Sambesi zu einem Wassermangel führen.
Das heisst, unter diesen Umständen erhöht sich das Risiko von Konflikten um Wasser?
Ob Wasserknappheit zu Konflikten oder sogar Kriegen führt, wird schon länger diskutiert. Es gibt hierzu zwei Lager: Auf der einen Seite die malthusianische Denktradition und auf der anderen Seite die Pragmatiker. Der Ökonom Malthus ging davon aus, dass die landwirtschaftlichen Erträge nicht im selben Masse steigen können, wie die Bevölkerung wächst. Irgendwann geht die Schere zu weit auf, und es kommt zu Konflikten um knappe Ressourcen zur Nahrungsmittelproduktion. Durch Kriege und Krankheiten wird die Anzahl der Menschen dann verringert, und das System ist wieder im Gleichgewicht. Daher stammt auch die Idee vom Krieg um Wasser. Die Forschung hat diese Behauptung inzwischen widerlegt. Ohne Zweifel wird Wasser knapper. Die Forschung zeigt aber, dass Gesellschaften meist recht kreativ und innovativ sind und sich anpassen können, vor allem wenn die Wasserknappheit nicht zu schnell akut wird.
Mit welchen Mitteln?
Beispielsweise durch politische und wirtschaftliche Institutionen, die das Wasser effizienter verteilen und dadurch das Konfliktpotenzial reduzieren. Oder durch technologische Innovationen zur effizienteren Wassernutzung, zum Beispiel durch verbesserte Pflanzenarten und Anbaumethoden.
Welche Ansicht vertreten Sie selbst?
Eher eine pragmatische und optimistische Sicht. Die sozialwissenschaftliche Forschung, zu der auch meine Gruppe beiträgt, zeigt, dass es zu Konflikten um Wasser kommen kann. Wasserkonflikte lassen sich in den meisten Fällen jedoch durch gut konzipierte gesellschaftliche Institutionen so weit regeln, dass sie nicht zu einem Bürgerkrieg oder internationalen Krieg eskalieren. Es treten zwar immer wieder kleinere «Brandherde» auf, indem sich zum Beispiel Nomaden gewalttätig um eine Wasserquelle streiten. Einen grossen «Flächenbrand» im Sinne kriegerischer Ereignisse um Wasser konnten wir jedoch nicht finden. Insbesondere wohlhabendere Staaten, die über technische Innovationskraft verfügen, sowie Demokratien sind besser in der Lage, Wasserkonflikte zu vermeiden oder zumindest unterhalb der Gewaltschwelle zu halten.
Funktionierende Rechtssysteme und technische Innovationskraft fehlen jedoch oft in Entwicklungsländern. Das heisst, die Ärmsten der Armen sind eher konfliktgefährdet?
Das Risiko gewalttätiger Wasserkonflikte ist in Ländern wie Sudan, Kenia und Somalia sicher höher als in der Schweiz oder Australien. Trotzdem ist die Sicht, dass das Fehlen von Wohlstand, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gleich zu gewaltsamen Wasserkonflikten führen muss, zu mechanistisch. Selbst in Staaten, in denen das Risiko von Wasserkonflikten hoch ist, sehen wir, dass diese Konflikte nicht in einen Krieg eskalieren.
Es gibt auch die These, dass Staaten Wasser als Druckmittel einsetzen. Dann braucht es keine Panzer, sondern dem anderen Land wird einfach der Wasserhahn abgedreht.
Diese Behauptung ist nicht haltbar. Ein Staudamm ist ein Milliardenprojekt. Staaten lassen Staudämme bauen, um Energie und Wasserprobleme zu lösen, und nicht, um einem Unteranlieger das Wasser zu nehmen oder ihn mit einer solchen Drohung unter Druck zu setzen. In Kriegen wird manchmal Wasserinfrastruktur zerstört, und einige Beobachter interpretieren diese Handlungen als Kriege um Wasser. Auch dies ist unsinnig, denn es geht dabei nicht darum, sich das Wasser des Gegners anzueignen, sondern einfach um die Zerstörung ökonomisch wichtiger Infrastruktur.
Wenn Wasserkonflikte nur ein geringes Kriegsrisiko bergen, wieso ist dieses Thema dann so prominent in den Medien?
Dürre, Klimawandel, Krieg – das sind attraktive Medienthemen. Werden solche Phänomene miteinander verbunden, die im Prinzip eigentlich wenig miteinander zu tun haben, lässt sich noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Argumente für eine strengere Klimapolitik, die auf eine «Klimawandel = Kriege um Wasser»-Rechtfertigung setzen, sind jedoch riskant und tun den ansonsten völlig legitimen Forderungen nach einer Reduktion der Treihausgas-Emissionen längerfristig keinen Gefallen.
Thomas Bernauer, Professor für Politikwissenschaft (Internationale Beziehungen) am Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften (D-GESS) der ETH Zürich.
In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Fragen der internationalen Wirtschafts- und Umweltpolitik. Er und sein Forschungsteam sind im Zentrum für Vergleichende und Internationale Studien (CIS) und dem Institut für Umweltentscheidungen (IED) angesiedelt. Zurzeit ist er auch Mitglied des Präsidiums des Schweizerischen Nationalfonds.
Weblinks
Zentrum für Vergleichende und Internationale Studien: www.cis.ethz.ch
Institut für Umweltentscheidungen: www.ied.ethz.ch
Weitere Highlights der Ausgabe 4/2011:
Beim Trinkwasser ist nicht alles klar: Welchen Effekt hat der Bau von öffentlichen Brunnen oder Wasserpumpen in Entwicklungsländern wirklich? Verbessert sich dadurch die Trinkwasserqualität? Forscher der ETH haben es untersucht. Mehr
Der Ernährungsprofi des FC Basel: Paolo Colombani,
ETH-Ernährungswissenschaftler und Experte in Sachen Sporternährung,
gehört seit neuestem zum Team des FC Basel. Dort sorgt er unter anderem
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