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Der Ernährungsprofi des FC Basel

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Paolo Colombani, ETH-Ernährungswissenschaftler und Experte in Sachen Sporternährung, gehört seit neuestem zum Team des amtierenden Schweizer Fussballmeisters FC Basel. Dort macht er Shaqiri, Streller und Co. sportphysiologisch Beine – indem er unter anderem dafür sorgt, dass die Kicker «richtig» essen und trinken.

Christine Heidemann

ETH-Forscher Paolo Colombani ist zufrieden: Nicht nur der Basler Kapitän Marco Streller trinkt bewusst mehr, seit der Wissenschaftler die Mannschaft in Ernährungsfragen berät
ETH-Forscher Paolo Colombani ist zufrieden: Nicht nur der Basler Kapitän Marco Streller trinkt bewusst mehr, seit der Wissenschaftler die Mannschaft in Ernährungsfragen berät. (Foto: Roland Tännler)


Dieser Beitrag ist erschienen in ETH Globe 4/2011:
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Der Platz liegt etwas versteckt, einige hundert Meter vom Stadion St. Jakob-Park entfernt, das von den Baslern liebevoll «Joggeli» genannt wird. Schon von weitem hört man Anfeuerungsrufe; es wird abwechselnd geflucht und gejubelt. Ab und an lugt ein Ball hinter der den Platz umzäunenden Hecke hervor. Kein Zweifel, hier sind Fussballer in Aktion. Genauer gesagt, die erste Mannschaft des amtierenden Schweizer Fussballmeisters FC Basel.

Wer das Trainingsgrün betritt, stolpert als Erstes über zahlreiche Mountainbikes. Zum Warmmachen radeln die Spieler von den Umkleidekabinen auf den Platz, weiss Paolo Colombani, der sogleich von Trainer Heiko Vogel begrüsst wird. Auch zwei Spieler nutzen die kurze Unterbrechung, um dem ETH-Wissenschaftler die Hand zu geben.
Seit Mai dieses Jahres gehört Paolo Colombani quasi zum Team. Der 43-jährige Ernährungswissenschaftler und Mitbegründer des «Swiss Forum for Sport Nutrition» an der ETH Zürich hat sich spätestens seit seinem Bestseller «Fette Irrtümer», in dem er mit gängigen Ernährungsmythen aufräumt, einen Namen gemacht. Über die von Colombani angebotenen Weiterbildungen in Sporternähung wurde auch einer der Sportärzte des FC Basel auf den ETH-Wissenschaftler aufmerksam.

«Wir haben uns generell Gedanken darüber gemacht, wie wir die Leistung unserer Spieler noch optimieren können. Und da sind wir sehr schnell auf das Thema Ernährung gekommen und mussten feststellen, dass wir darüber nicht optimal Bescheid wissen», erinnert sich Trainer Heiko Vogel an jenes Teammeeting, bei dem der Name «Paolo Colombani» das erste Mal fiel.

Die Chemie stimmt

Am Anfang, gibt er schmunzelnd zu, habe man zwar ein wenig Bedenken gehabt, da Paolo, wie ihn hier alle nennen, aus Zürich komme und zu Jugendzeiten beim langjährigen Rivalen FC Zürich kickte. Aber nach dem ersten Gespräch war schnell klar: Die Chemie stimmt. «Seither geht es steil bergauf», sagt Vogel. Unter anderem dank verbesserter Sportgetränke, die die Kicker vor, während und nach einem Training und Spiel zu sich nehmen. Und dank eines optimierten Timing: wann genau was und wie viel verabreicht wird. Bei beidem gab es «room for improvement», wie Paolo Colombani es ausdrückt.

«Es gibt nicht das eine Getränk für alle und für jede Situation.» Ein 60 Kilogramm leichter Spieler braucht nicht die gleiche Menge an Nährstoffen wie ein 90 Kilogramm schwerer Spieler und auch das Timing der Einnahme muss nicht für alle identisch sein. Ausserdem entsprach eines der eingesetzten Sportgetränke noch nicht den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen. «Ich habe daher den Getränkehersteller dazu angeregt, die Zusammensetzung des Sportdrinks zu optimieren», berichtet Colombani. Ein Prototyp des neuen Getränks ist inzwischen produziert und wird gerade getestet.

Den offenbaren Erfolg von Colombanis Arbeit bestätigt neben dem Trainer auch Mannschaftskapitän Marco Streller: «Es wird eindeutig mehr getrunken, seit Paolo hier ist.» Besonders beeindruckt hätten die Mannschaft die Vorträge des ETH-Wissenschaftlers während des Trainingslagers im bayerischen Rottach-Egern im Juni dieses Jahres. Dort informierte der Ernährungsexperte die Spieler darüber, wie wichtig es ist, sich vor allem vor und während eines Spiels richtig zu ernähren.
So sei erwiesen, dass die Leistung im Fussballspiel nicht nur gegen Ende des Spiels, sondern auch zu Beginn der zweiten Halbzeit niedriger ist. Die Grundidee einer gezielten Ernährung und sportphysiologischen Vorbereitung sei es daher, diesem Leistungseinbruch entgegenzuwirken. Wie er das genau erreichen will, verrät Colombani allerdings nicht: «Man muss ja nicht unbedingt alle Trümpfe bekannt geben», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Kein Geheimnis macht der Wissenschaftler jedoch daraus, wie er die Energiespeicher der Spieler nach einer Partie so schnell wie möglich wieder auffüllt – nämlich mit einem speziellen Kohlenhydrat-Eiweiss-Regenerationsgetränk. Das stammt vom offiziellen Partner des FC Basel in Sachen Sportgetränke und wurde von Paolo Colombani bereits vor gut zehn Jahren an der ETH in einem von seinen Forschungsprojekten untersucht. Die bewusste Regeneration gelte vor allem für die sogenannten «Englischen Wochen», in denen die Kicker innerhalb von sieben Tagen bis zu drei Spiele absolvieren müssen. «Das geht an die Substanz, insbesondere wenn in der Mitte der Woche ein Champions-League-Spiel ansteht».

Um den Spielern zu demonstrieren, wie viel Flüssigkeit sie bei einer Partie verlieren, bestimmte der Ernährungsexperte zusammen mit den Physiotherapeuten deren individuellen Flüssigkeitsverlust, indem er sie vor und nach einem Spiel auf die Waage stellte. «Das war gerade für die jüngeren Spieler, die das noch nie gemacht hatten, sehr interessant», sagt Kapitän Marco Streller.

Wissenschaft war im Fussball lange tabu

Fussball und Wissenschaft – das war selbst im internationalen Spitzensport lange keine gängige Verbindung. Während Schwimmer, Eisschnellläufer, Bob- oder Rennfahrer früh den Beistand von Forschern suchten, setzten Fussballtrainer und -betreuer weiterhin auf altbewährte Methoden, nach denen die meisten von ihnen einst selbst trainiert worden sind. «Ich habe vor zehn Jahren auch noch nicht daran gedacht, dass ich mal auf solche Dinge achte», gesteht Basels Coach Heiko Vogel.
Fitness- und Mentaltrainer etwa, die in anderen Sportarten längst zum Trainingsalltag gehörten, sind lange Zeit als Schnickschnack abgetan worden, der im Traditionssport Fussball nichts zu suchen hat. Doch im ständig wachsenden, auch wirtschaftlichen Wettkampf der Vereine kann heutzutage fast nur noch bestehen, wer mit wissenschaftlichen Methoden das Optimum aus seinem Team herausholt, ist auch Vogel überzeugt. «Wir wollen ja heutzutage einen möglichst kompletten Profi. Und der sollte die Möglichkeiten, die ihm eine Leistungssteigerung bringen, auch nutzen. Im legalen Bereich natürlich», betont er. Ausserdem liessen sich vor allem durch eine optimale Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme Verletzungen vermeiden.

Einer der ersten Vereine, die wissenschaftliche Methoden in fast schon unheimlich perfekter Form eingesetzt haben, war der AC Mailand. Dort liefern die Spieler bereits seit Jahren ihre Körper zur Dauerüberwachung aus: «Milanello», das Trainingslager des 18-fachen italienischen Meisters, ist ein Forschungszentrum für Bioanalytik. Nichts bleibt hier dem Zufall überlassen, alle möglichen Körperdaten, egal ob Skelett- oder Gebisszustand, Beweglichkeit der Augen, Blut- und Urinwerte der Spieler werden erfasst. Kein physischer und psychischer Einbruch, keine Kaloriensünde bleibt ohne Datenspur. Sobald die Mailänder Stars im Umkleideraum das Trikot übergezogen haben, beginnt die Aufzeichnung. Fortan laufen sämtliche während ihres Aufenthaltes in Milanello ermittelten Werte per Computer an eine zentrale Datenbank.

Mailands Geheimlabor

Dieser Speicher steht im «Milan Lab», einem unterirdischen Labor. Es ist abgeschirmt wie eine Geheimdienstzentrale und das Herz der ganzen Anlage: ein nüchterner, 300 Quadratmeter grosser Raum mit Monitoren und Servern, den ausser der Mannschaft selbst nur ein kleiner Kreis von Wissenschaftlern, Therapeuten und technischen Angestellten betreten darf – allerdings erst, wenn ein Scanner am Eingang den Besucher anhand seines Fingerabdruckes identifiziert hat.

Es ist der Computer, der die Verfassung jedes einzelnen Mailänder Elite-Kickers auf einer Befindlichkeitsskala von 1 bis 10 bewertet. Er ist es auch, der im Zweifelsfall rotes Licht gibt: Spielverbot; Einspruch nicht möglich. Orange bedeutet, dass der Spieler sorgfältig überwacht werden muss. Grün steht für «okay» und Blau für eine optimale Verfassung zwischen 8 und 10 auf der Skala.

Der Mittelweg ist das Ziel

Wäre so ein System Orwell in Basel denkbar? «Wenn mir einer ein ‹Milan Lab› schenken würde, würde ich nicht nein sagen», sagt Heiko Vogel lachend. Doch von einer solchen kostenintensiven Totalüberwachung ist man nicht nur in Basel noch meilenweit entfernt – und strebt sie auch gar nicht an. Der goldene Mittelweg sei das Ziel. Dennoch wollen auch die Basler mit Paolo Colombanis Hilfe noch mehr in Richtung Perfektion gehen, auch wenn dieser Begriff hier eine etwas andere Bedeutung hat als in Mailand.

Einen Fitness- und Mentaltrainer gibt es hier zwar längst auch schon. Ansonsten stehe man aber noch ganz am Anfang, was die Wissenschaft im Basler Fussball angehe. «Wo das hinführt, kann ich jetzt noch gar nicht sagen», so Heiko Vogel. Schliesslich sei das auch eine finanzielle Frage. Ganz sicher aber noch zu einer spezifischeren Betreuung jedes einzelnen Kickers.

Individuelles Screening

«In einem nächsten Schritt», so Colombani, «wollen wir wie bereits beim Training oder Wiederaufbau nach einer Verletzung auch im Bereich Ernährung verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Spieler eingehen.» Dies könne mithilfe biomedizinischer Screenings à la Milanello durchgeführt werden. «Aber es gibt simplere und mit grosser Wahrscheinlichkeit gleich effektive Methoden», ist der ETH-Forscher überzeugt.

Dabei interessiert ihn zum Beispiel, ob ein Spieler nach dem Essen bestimmter Lebensmittel mehr oder weniger Hunger hat. Oder wie er bestimmte Nahrungs- oder Zusatzmittel verträgt, wenn er sie vor oder während des Trainings oder Spiels einnimmt.

Doch egal, welche Anpassungen noch auf die Kicker des FC Basel zukommen, Heiko Vogel ist wichtig, dass die Veränderungen nach und nach eingeführt, seine Jungs nicht unnötig überfordert werden. Aber dafür hat der ETH-Fachmann, so scheint es, genau das richtige Gespür: «Ich gehe Schritt für Schritt vor, warte auf ein Feedback, insbesondere der Physiotherapeuten, die meine wichtigsten und absolut zuverlässigen Ansprechpartner in der alltäglichen Umsetzung sind, und gehe dann erst ins Finetuning».

Auch habe er sich am Anfang bewusst im Hintergrund gehalten, seine Tipps ausschliesslich über die Betreuer weitergegeben. Grundsätzlich seien die Spieler aber offen für Veränderungen, sind sich alle Beteiligten einig. Vor allem, wenn sie mitbekämen, dass andere Top-Vereine es genauso machen, und sie die Vorteile an ihrem Körper selbst spürten.

Für Trainer Heiko Vogel hat der Trend in Richtung gläserner Einheitsprofi, die Verwissenschaftlichung des Fussballs jedoch ganz klar seine Grenzen. «Manches dient nur der Show», ist er überzeugt und mahnt, den gesunden Menschenverstand, «das Persönliche» bei aller Taktik und Technik nicht aus den Augen zu verlieren.
Und seien wir doch mal ehrlich: Was wäre ein Fussballspiel ohne geniale Pechvögel, ohne hochnäsige Primadonnen oder zartbesaitete Spielertypen? Ohne Überraschungen und vermeintliche Fehlentscheidungen? Es wäre schlichtweg langweilig. Und womöglich schiesst am Ende gerade der etwas müdere Spieler, der zu wenig getrunken und gegessen hat, das matchentscheidende Tor.

 

Weblinks
Paolo Colombani: www.ethglobe.ethz.ch/colombani

 

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